WIR SIND DIE NEUEN JUDEN


 

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Der „neue Jude“

Der „neue Jude“ Schlomo Strache vulgo HC muss sich, nach pogromartigen Angriffen gegen ihn und seine Kommilitonen, wie Anne Frank am Dachboden verstecken. Wir sind erschüttert. Zur Wiederherstellung der alten Ordnung und zur Rettung demokratischer Verhältnisse, sehen wir uns daher veranlasst, diese Veranstaltung anzukündigen:

Dazu eingeladen sind die Spitzen der Republik: Bundespräsident Dr. Heinz Fischer, H.C. Strache (FPÖ), Bundeskanzler WernerF aymann (SPÖ), Vizekanzler Dr. Michael Spindelegger (ÖVP), Dr. Eva Glawischnig (Die Grünen).

Im Nestroyhof Hamakom – www.hamakom.at


Mit: Frederic Lion, Hubsi Kramar, Dramaturgische Mitarbeit: Carolin Vikoler


 

APA:

Wolfgang Huber-Lang

„Wir sind die neuen Juden“ im Hamakom: Aufklärung statt Aktionismus

Eine Lese-Performance der Theatermacher Hubsi Kramar und Frederic Lion beschäftigt sich mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Er hat es wieder gemacht. Zuerst die Werbe-Postkarte entworfen, dann die Presse-Aussendung ausgeschickt und erst zuletzt überlegt, wie das bereits angekündigte Theaterprojekt tatsächlich aussehen soll. „Du hast gesagt, bei Dir ist das öfter so“, sagt der Theatermacher Frederic Lion in Richtung seines Kollegen Hubsi Kramar. Dieser hatte ihn nach einem Treffen von Wiener Bühnen-Leitern spontan davon überzeugt, unbedingt auf Aussagen des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache über Proteste gegen den WKR-Ball reagieren zu müssen. Nun sitzt Lion an einem langen Tisch, dem Szeneveteranen und Theater-Aktionisten Kramar gegenüber, und ist mitten in einer Performance. „Wir sind die neuen Juden“ heißt der Abend, der mit folgendem Text angekündigt wurde: „Der ’neue Jude‘ Schlomo Strache vulgo H.C. muss sich, nach pogromartigen Angriffen gegen ihn und seine Kommilitonen, wie Anne Frank am Dachboden verstecken.“ Die Besucher finden sich zur Premiere am Montagabend nicht unter dem Dach, sondern im Keller des Nestroyhofs in Wien-Leopoldstadt wieder, sitzen an einem großen Tisch, bekommen zu Burschenschafter-Trinksprüchen Bier angeboten und eine lange Reihe von Zitaten vorgelesen, die eine unselige Tradition des Antisemitismus Wiener Ausprägung belegen, die von Karl Lueger über die Nazi-Zeit und die Anfänge der Zweiten Republik bis in die Gegenwart reichen. Geschichtsbewusstsein und Aufklärung ist Kramar und Lion, die den Leseabend abwechselnd in den beiden von ihnen geleiteten Theatern veranstalten, diesmal wichtiger als Aktionismus und theatrale Wirkung. Daher sind zwei Video-Einspielungen die kabarettistischen Höhepunkte der eineinhalbstündigen Unterrichtseinheit in politischer Bildung: der Auftritt Straches bei Armin Wolf in der ZiB2 sowie jener Kramars als Ballgast Adolf Hitler am Opernball 2000. „Das war radikales Theater“, lobt Lion sein Gegenüber. „Es hat eine Stimmung auf den Punkt gebracht.“ Radikal privat werden die beiden Theatermacher anschließend: Diesmal haben sie keine rechte Form gefunden und so sprechen sie über ihre Intentionen, ihre persönlichen Bezüge zu einer Geschichte, die verbogen wird, und ihren „Zorn und Trauer, dass so etwas wieder möglich ist“ (Kramar). Gegen Ende wieder ein Zitat. Diesmal von Theodor W. Adorno: „Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

 

DiePresse.com:

22.05.2012 – Norbert Mayer

Stammtisch im Nestroyhof: „Wir sind die neuen Juden“

Uraufführung. Kramar und Lion spießen arge Polit-Sprüche auf. Im Keller des Nestroyhofes dürfen Zuseher des Hamakom-Theaters am Montag an einem riesigen Tisch Platz nehmen. Auf dem Tischtuch aus Papier steht überall: „Aus dem Zusammenhang gerissen“. Wie ein Wirtshaus wirkt die Bühne, und tatsächlich wird dem Publikum später Bier serviert werden. Aus dem Vorhang treten Hubsi Kramar und Frederic Lion mit einem fröhlichen Schalom hervor. 80 Minuten liefern der Direktor des 3Raum- und der des Hamakom-Theaters eine bemerkenswerte, scharfe Analyse des politischen Stammtischniveaus in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der FPÖ: „Wir sind die neuen Juden“ nennen sie diesen Abend, der vor allem aus dem Verlesen enthüllender Zitate, Videos mit FPÖ-Chef H.-C. Strache und Räsonieren über die Zustände in einem Land besteht, das anscheinend besonders gefährdet ist, dem Laster der Xenophobie und des Antisemitismus im Speziellen zu verfallen. Die Vorführung ist minimalistisch. Dadurch wirken „Sager“ österreichischer Politiker in ihrer angehäuften Form umso stärker. Böse Sprüche sind kein Privileg der Freiheitlichen, es wurden auch schändliche Sätze der Bundeskanzler Figl und Kreisky ausgegraben, des Bürgermeisters Lueger und seines Freundes Kunschak, des SPÖ-Ministers Helmer. Ein Typ brüllte einst sogar ungeniert „Saujud“ im Parlament. Die Ansammlung gezielter Brutalität aber, die J. Haider, der verunglückte Langzeit-Chef des Dritten Lagers, und der jetzige FPÖ-Obmann H.-C. Strache verbreitet haben, ist atemberaubend. So viel negative Energie! Der Unterschied: Haider hatte eine diabolische Lust am Wortwitz, wenn er zündelte, Strache hingegen flüchtet bei beschränkter Rhetorik gern in die Opferrolle. Das wird exemplarisch an seinem Satz „Wir sind die neuen Juden“ gezeigt, den er laut „Standard“ im Jänner beim Ball der Korporierten in der Hofburg gesagt haben soll, nachdem radikale Demonstranten Gäste attackiert hatten. Strache ein verfolgter Ersatz-Jude? Im eingeblendeten ORF-Interview spielt er ihn erbarmungswürdig. Schräg sind auch Ausschnitte aus seinen Aschermittwoch-Tiraden. Dieses Opfer traut sich alles zu.

 

Wiener Zeitung:

23.05.2012

„Faschisten in der Maske der Demokraten“

Derbe Trinksprüche von Burschenschaftern, Vulgäres vom blauen Ideologen Mölzer, Polemiken wie die von Frau Winter gegen Mohammed, Graf gegen den Chef der Kultusgemeinde und Gudenus zu Gaskammern runden das Sittenbild ab. Als irre Ergänzung wird eine kühl von einem Schauspieler vorgetragene Rede des SS-Führers Himmler gebracht, der die Rolle von Opfer und Täter bereist 1943 umkehrte. Der Abend endet mit einer etwas eitlen Inszenierung – Kramars Aktionismus als Hitler-Parodie beim Opernball 2000 – sowie traurigen Erinnerungen Lions an eine verhinderte wirkliche Restitution. Als Fazit aber gibt es strenge Philosophen: Jeanne Hersch, Jean-Paul Sarte. Und Theodor W. Adorno. Der fürchtete sich vor der „Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“. Nachdenklicher Applaus.

 

Kritik:

von Kai Krösche

Spannende Geschichtsstunde im Theaterkeller

„Wir sind die neuen Juden“ – so die im besten Fall von verheerendem Unwissen zeugende, im schlimmeren von perfidestem Provokationswillen gespeicherte, zugleich aber wenig überraschende Entgleisung Heinz-Christian Straches im Rahmen der Proteste gegen den alljährlichen Wiener Korporationsball. Bezogen war die Aussage auf die entschiedene Ablehnung des rechten Gedankenguts der Ballteilnehmer durch die Protestierenden, die ersteren ein Gefühl für den Schrecken dafür gegeben haben, Jude während der von Strache nichtgebräuchlich als Reichskristallnacht“ bezeichneten Novemberpogrome von 1938 gewesen zu sein. Aufklärerischer Abend: Der österreichische Theater- und Performance-Künstler Hubsi Kramar und der in Zürich geborene Regisseur Frederic Lion reagierten auf Straches heuchlerischen Vergleich mit einem aufklärerischen Theaterabend: Das Publikum sitzt an einer langen Tafel, an deren beiden Enden Kramar und Lion sitzen, sich miteinander unterhalten und Zitate vorlesen. Anfänglich wirkt das wie eine Geschichtsstunde: Da werden antisemitische Politikerzitate aus knapp 70 Jahren Nachkriegsgeschichte vorgelesen, Strache-Reden per Video eingespielt – das ist zwar interessant, bringt aber nicht unbedingt neue Erkenntnisse. Spannend wird es, wenn Kramar und Lion ins Gespräch übergehen, persönliche Gedanken und Ansichten zur Entstehung von Antisemitismus, zu jüdischer Identität und nicht zuletzt zum Verhältnis von Theater und Leben äußern: Da entwickelt sich eine intime Stimmung, im Rahmen derer man den Männern ungemein gespannt zuhört.